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„Selten findet eine Landschaft einen so gründlichen, unbestechlichen und lebendigen Niederschlag wie in diesen bunten Radierungen. Nur eine unendliche Liebe zur Heimat, die sich jedes Fleckchen in rastloser Kleinarbeit erobert, vermag solch plastisches Material zusammenzutragen.” So lautete das emphatische Urteil der Kunstkritik über eine Ausstellung in den Räumen des Regensburger Kunst- und Gewerbevereins im Jahre 1939, die etwa 100 für die Oberpfalz typische Orts- und Landschaftspanoramen präsentierte - geschaffen von dem Graphiker Herbert Molwitz, der es sich gleichsam zur Lebensaufgabe gemacht hatte, den spröden Charme dieses Landstrichs in seiner künstlerischen Arbeit einzufangen. Mit seinem Versuch, landschaftliche und kulturhistorische Eigentümlichkeiten der Oberpfalz in den Blick zu rücken und für künftige Generationen zu dokumentieren, steht Molwitz in der Nähe so bekannter Künstlerpersönlichkeiten wie dem aus Kallmünz stammenden Zeichner Hans Laßleben (1908-1941) oder dem Vohenstraußer Maler Ludwig Steininger (1890-1979).
Molwitz begann seinen künstlerischen Weg als Autodidakt und schon früh gelangten seine schöpferischen Anlagen zur Entfaltung. Einer Verfeinerung der technischen Ausdrucksmittel diente dann die akademische Ausbildung. Von 1926-1928 besuchte Molwitz die Hochschule für bildende Kunst in Weimar, wo er Aufnahme in die Klasse von Prof. Alexander Olbricht (1876-1942), einem renommierten Landschafts- und Blumenmaler, Radierer, Holzschneider und Lithographen, fand. Charakteristisch für diese Schaffensperiode sind Nachtstudien, meist Lithographien (vereinzelt auch Federzeichnungen), die Industrieanlagen, z. B. eine Braunkohlefabrik in Köln, die „Grube Else” bei Schwandorf und das Glaswerk in Mitterteich, oder aber geheimnisvolle Ortsansichten - Regensburg, Weimar, Mitterteich - zeigen: „Schattenflächen voller Leben, Lichter, deren Strahlung die Szenen zu verzaubern scheint. [...] Herbert Molwitz gehörte einer Künstlergeneration an, die das Unausgesprochene in der Realität zu ahnen vermochte.”
Da Molwitz den Hochschulunterricht als beengend empfand, bat er im Sommersemester 1928 um seine Beurlaubung. Wiederum unternahm er Studienreisen, die ihn nach Österreich, Ungarn,Jugoslawien, vor allem aber nach Italien führten. Trotz, oder gerade wegen der häufigen Auslandsaufenthalte, die seinen künstlerischen Blick wesentlich schulten, kehrte er stets gern in seine geliebte Oberpfalz zurück, die er in den Mittelpunkt seines Schaffens rückte. So wurden die Naturschönheiten dieses herben Landstrichs in einer Vielzahl von einfühlsamen Arbeiten lebendig, die eine tiefe Liebe des Künstlers zur Schöpfung spüren lassen. Eine zentrale Rolle im Werkzusammenhang spielen Bäume, meisterhaft ausgeführte Buchen, Linden, Wetterfichten, die dem Betrachter in ihrer Urwüchsigkeit und Vielgestalt vor Augen treten. (Rechts: „Die alte Eiche” - Radierung) Berühmtheit jedoch erlangte er durch die geradezu mit verliebter Zartheit des Details gestaltete Darstellung von Blumen, Kräutern und Unkräutern, insbesondere aber von Disteln. Die „Große Silberdistel”, ein Kupferstich aus dem Jahre 1929 (Bild oben), der die ungeteilte Bewunderung des berühmten Berliner Impressionisten Max Liebermann fand, bildete gleichsam die Sinnmitte seiner graphischen Produktion. Mit dem wachen Auge des Künstlers entdeckte Molwitz gerade in dem kleinen, unscheinbaren Gewächs am Wegesrand, bei der Wanderung aufgegriffen, die Schönheit der Natur.
1932 begann Molwitz mit seiner Topographie der Oberpfalz. Unermüdlich durchstreifte er die ihn so faszinierende Heimat, um eine Gesamtdarstellung all ihrer typischen Landschaften, markanten Bauwerke und charakteristischen Städte und Dörfer zu schaffen. „Schwerlich wird ein oberpfälzischer Ort zu finden sein, wo sich Molwitz nicht schon der Gastfreundschaft eines Gönners oder Verehrers seiner Kunst hat erfreuen dürfen. So innig weiß sich der Künstler mit Land und Leuten der Oberpfalz verbunden, daß ihn die Menschen landauf landab als ihresgleichen schätzen.” Im Laufe weniger Jahre entstanden weit über 100 kolorierte Radierungen, Lithographien und Aquarelle von dokumentarischer Genauigkeit und hohem künstlerischen Wert, die in ihrer Zielsetzung an die bekannten Arbeiten des Kupferstechers Matthäus Merian (1593-1650) erinnern. Voll philosophischer Hintergründigkeit versuchte Molwitz in seinen Studien, gleichsam die „Seele” dieses Landstrichs zu ergründen.
Beachtlich ist nicht nur der Motivreichtum, sondern auch die Vielfalt der angewandten Techniken. Sicherlich stehen Kupferstiche und Radierungen (darunter viele Farbradierungen und aquarellierte Umrißradierungen) im Zentrum seines graphischen Werkes, doch ebenso überzeugend wußte er Linolschnitte und Lithographien zu gestalten. Zu seinen bevorzugten künstlerischen Ausdrucksmitteln zählten auch Zeichnungen (Feder, Bleistift, Kohle), in denen jedes Detail lebte, und Aquarelle, selten sind dagegen Ölgemälde, ein Unikat die Porzellanplatte, auf der er seine „Lieblingskinder”, die Disteln, verewigt hat.
Mit der Einrichtung der „Molwitz-Stube”, die einen repräsentativen Querschnitt seines schöpferischen Wirkens zeigt, ehrte die Stadt Mitterteich im Jahre 1972 eine Künstlerpersönlichkeit, die sich in aller Bescheidenheit nicht selten lediglich als „Papierverschandler” vorzustellen beliebte.
Quelle: Manfred Knedlik, Herbert Molwitz 1901-1970 - Begleitheft anläßlich der Gedächtnisausstellung zum 25. Todestag |

"Von Disteln im Feld ist der Bauer nicht recht erbaut! Mol jedoch ist mit ihnen befreundet und sehr vertraut! Sie stechen ihn auch nicht, weil er sie ja (in Kupfer) sticht!"
Herbert Molwitz


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