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"Das alte Historische Rathaus ist 277 Jahre alt und wurde zweimal
eingeweiht, vom Magistrat und dem Kloster Waldsassen. Zwei Buben erhielten damals eine
mächtige Watsch'n, damit sie die Einweihung nicht vergessen, dies wollte der Brauch so",
dies erfuhren die Kinder bei der Kulturreise durch ihre Heimatstadt, zu dem der
Arbeitskreis Heimatpflege, im Rahmen des Ferienprogramms eingeladen hatte.
In der Tat wussten die beiden Heimatführer Erhard Sommer und Werner
Männer vieles zu erzählen, über Geschichtchen und Geschichten aus Mitterteich. Rund dreißig
Kinder waren gekommen, um sich einführen zu lassen auf die Kultur ihrer Heimatstadt.
Begonnen hatte der Spaziergang durch die Altstadt bei der Stadtpfarrkirche St. Jakob. Erst
vor zwei Jahren wurde das 400-jährige Bestehen des Kirchturms gefeiert. Während der
Kirchturm 1606 gebaut wurde, entstand die Stadtpfarrkirche, in ihrer jetzigen Ausstattung,
erst 1890. Sommer sagte, es ist dies bereits die dritte Kirche an diesem Standort. Der
Kirchturm ist 39 Meter hoch und wurde früher von einem Türmer bewohnt. Werner Männer wusste
allerhand vom Kirchturm und seinem Bewohner zu erzählen, dieser hatte auch die Aufgabe
eines Nachtwächters übernommen. Bei einem Brand blies der Türmer in seiner Trompete und
warnte so seine Mitbewohner. Weiter war er für die Uhr zuständig, er musste sie täglich neu
aufziehen. Damit er auch leben konnte, arbeitete er zusätzlich noch als Schuster und
Schneider. Seine Nahrung erhielt er mit einem Flaschenzug nach oben. Der Weg hinab und dann
wieder hinauf wäre zu beschwerlich gewesen. Der letzte Türmer, der hier lebte, ging 1930.
Weiter erfuhren die Kinder, dass alle sechs Kirchenglocken ein Gesamtgewicht von 161
Zentner haben. Heute freilich werden diese Glocken mit Strom betrieben.
Anschließend ging der Blick hinüber zum Historischen Rathaus, das 1731
erbaut wurde. Früher, so Sommer, war das Rathaus an die Kirche angebaut. Sommer lud die
Kinder ein, den Sitzungssaal zu besichtigen und auf den Plätzen der Stadträte Platz zu
nehmen. Dort erfuhren die Kinder, dass früher im Rathaus auch Brot und Wurst verkauft
wurden. Für die schlimmen Burschen war sogar eine Zelle eingebaut. Alle viertel Jahr
läutete die Steuerglocke, so dass die Bürger wussten, sie müssen wieder ihre Steuerschuld
begleichen. Werner Männer erklärte den Kindern die Sitzverteilung im gegenwärtigen
Stadtrat, "da sitzen die Schwarzen, die Roten und die Freien Wähler". Die Zuhörer dürfen
nicht mitreden, versucht doch es mal einer, schmeißt ihn der Bürgermeister raus, erzählte
Männer über die rauen Sitten im Sitzungssaal. Im Vorraum zum Sitzungssaal zeigte Männer den
Kindern die Werke des Malers Herbert Molwitz. Dieser malte Landschaften, zeigte die Liebe
zur Schöpfung und war mit seiner Staffelei ein gern gesehener Gast in den Mitterteicher
Fluren. Heute darf die Nachwelt die Werke des gebürtigen Thüringers, der 1970
verstarb, bewundern.
Nach dem Blick ins Historische Rathaus ging es hinaus zur Mariensäule,
die 1896 errichtet wurde. Erbaut wurde sie aus Sandstein. Ehrenbürger Schiffmann hat diese
Säule der Stadt geschenkt und wurde einer der wenigen Ehrenbürger der Stadt. Danach wurde
die Stadtpfarrkirche besichtigt. Erhard Sommer und Werner Männer wussten auch hier vieles
zu berichten. Ein kurzer Besuch galt noch dem Hankerlbrunnen und der Hungersäule, ehe der
Weg die Kinder ins Kellnerhaus führte, wo sie sich bei einer Brotzeit stärken konnten. Mit
vielen neuen Eindrücken und viel Wissenswertem machten sie sich nach Hause. Keine Frage,
sie kennen nun die Geschichte ihrer Heimatstadt noch besser.
Quelle: DER NEUE TAG
Text u. Bilder: Josef Rosner
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Am Unteren Marktplatz begann die Kulturreise der Kinder, die ihnen Einblicke in längst
vergangene Zeiten gaben

Werner Männer erläuterte die Arbeit des bekannten Künstler Herbert Molwitz, im Vorraum
zum Sitzungssaal

In der Stadtpfarrkirche, die 1890 erbaut wurde, erfuhren die Kinder vieles aus der Welt
des Katholizismus. Erhard Sommer zeigte sich dabei als kundiger Kenner der Kirche und
seiner Geschichte.
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